Biologie
Warum empfinden manche Menschen denselben Geruch als angenehm und andere als stinkend?
Weil jeder Mensch eine leicht andere genetische Ausstattung an Riechrezeptoren besitzt. Dasselbe Duftmolekül dockt je nach Rezeptorvariante unterschiedlich fest an, sodass es bei der einen Person ein starkes Signal auslöst und bei der anderen ein schwaches oder gar keines.
Wie Riechen technisch funktioniert
In der Nasenschleimhaut sitzen mehrere Millionen Riechzellen, jede davon trägt nur einen von rund 400 verschiedenen Rezeptortypen an ihrer Oberfläche. Ein Duftmolekül in der Atemluft löst sich in der Schleimschicht und passt, ähnlich wie ein Schlüssel ins Schloss, mehr oder weniger gut an einen oder mehrere dieser Rezeptoren. Passt es gut, feuert die Zelle ein starkes Signal ans Gehirn, passt es schlecht, bleibt das Signal schwach. Das Gehirn setzt aus den Signalen vieler gleichzeitig aktivierter Rezeptoren ein Geruchsmuster zusammen, das wir dann als "Rose", "Schweiß" oder "verbrannt" erkennen und bewerten.
Warum die Rezeptoren von Mensch zu Mensch verschieden sind
Die Gene, die diese rund 400 Rezeptoren bauen, zählen zu den variabelsten im gesamten menschlichen Erbgut. Jeder Mensch trägt eine eigene Mischung aus leicht unterschiedlichen Varianten dieser Gene, vergleichbar mit den Genen für Augen- oder Haarfarbe, nur mit sehr viel mehr Varianten gleichzeitig im Spiel. Eine einzige veränderte Aminosäure in einem Rezeptorprotein kann bereits ausreichen, damit ein bestimmtes Duftmolekül kaum noch oder deutlich stärker andockt. Da bei jedem Menschen eine andere Kombination dieser Varianten vorliegt, entsteht für dasselbe Molekül ein individuelles Wahrnehmungsmuster.
Das Paradebeispiel Androstenon
Besonders deutlich zeigt sich das bei Androstenon, einem Steroid, das im menschlichen Schweiß vorkommt. Für die Wahrnehmung dieses Stoffs ist ein bestimmter Riechrezeptor entscheidend, dessen Genvariante von Person zu Person unterschiedlich ausfällt. Ein Teil der Menschen riecht darin vor allem Urin oder Schweiß und empfindet den Geruch als unangenehm, ein anderer Teil nimmt eher eine süßliche, blumige oder vanilleartige Note wahr, und wieder andere riechen praktisch gar nichts. Alle drei Gruppen nehmen dasselbe Molekül wahr, nur ihre Rezeptoren reagieren jeweils anders darauf.
Warum das nicht nur bei Schweiß passiert
Androstenon ist nur das am besten untersuchte Beispiel, das Prinzip gilt aber für viele Duft- und Aromastoffe. Auch bei Kräutern wie Koriander ist ein ähnlicher Zusammenhang bekannt: Ein Teil der Menschen nimmt darin vor allem eine seifige, chemische Note wahr, weil ihre Rezeptorvariante besonders empfindlich auf einen bestimmten Aldehyd-Bestandteil im Kraut reagiert, während andere hauptsächlich die frische, würzige Seite schmecken. Je komplexer ein Duft aus mehreren Molekülen zusammengesetzt ist, desto mehr einzelne Rezeptorunterschiede können zusammenkommen und das Gesamtbild verschieben.
Gene sind die Grundlage, nicht das ganze Bild
Die genetische Ausstattung legt fest, wie stark ein Signal überhaupt ankommt, ob ein Geruch aber als angenehm oder unangenehm empfunden wird, formt zusätzlich das Gehirn über Erfahrung und Erinnerung. Gerüche sind eng mit dem limbischen System verknüpft, jenem Hirnbereich, der auch Emotionen und Erinnerungen verarbeitet. Wer einen Duft mit einer schönen Situation verbindet, empfindet ihn oft als angenehmer, selbst wenn die reine Rezeptorantwort neutral wäre. Kulturelle Prägung wirkt ähnlich: In manchen Ländern gilt ein bestimmter Fischgeruch als appetitanregend, anderswo als abstoßend, obwohl die Nasen chemisch identisch arbeiten. Die genetische Rezeptorvariante entscheidet also, wie stark ein Signal ankommt, Erfahrung und Kultur entscheiden mit darüber, wie dieses Signal bewertet wird.
Häufige Fragen
Kann sich der Geruchssinn im Laufe des Lebens verändern?
Ja, die Empfindlichkeit für einzelne Düfte kann sich mit dem Alter, durch Krankheiten oder auch durch wiederholtes Riechen bestimmter Stoffe verschieben, die genetische Grundausstattung der Rezeptoren bleibt dabei aber gleich.
Warum riechen manche Menschen bestimmte Düfte überhaupt nicht?
Wenn die passende Rezeptorvariante fehlt oder stark verändert ist, bleibt das Signal für dieses eine Molekül aus, während alle anderen Gerüche normal wahrgenommen werden. Das nennt man spezifische Anosmie.
Spielt Training eine Rolle, einen Geruch anders wahrzunehmen?
Die reine Empfindlichkeit für ein Molekül ändert Training kaum, wohl aber die Fähigkeit, einen Geruch bewusst zu erkennen und zu benennen, etwa bei Parfümeuren oder Weinverkostern.