← Alle Fragen

Biologie

Warum tut der Musikantenknochen im Ellenbogen so komisch weh?

Kurz erklärt

Weil an genau dieser Stelle der Ellenbogennerv (Nervus ulnaris) ungeschützt direkt auf dem Knochen liegt. Ein Stoß presst ihn gegen den harten Knochen und löst mechanisch ein Nervensignal aus, das bis in Ringfinger und kleinen Finger zieht.

Was beim Anstoßen wirklich passiert

Der Nervus ulnaris, umgangssprachlich Ellenbogennerv, verläuft vom Oberarm kommend durch eine knöcherne Rinne an der Innenseite des Ellenbogens, den Sulcus nervi ulnaris. Diese Rinne liegt am Epicondylus medialis, einem Knochenvorsprung des Oberarmknochens. An fast jeder anderen Stelle im Körper liegen Nerven tief zwischen Muskeln und Fettgewebe eingebettet und sind so vor Druck geschützt. Im Sulcus nervi ulnaris fehlt dieser Schutz: Der Nerv liegt hier nur von dünner Haut und etwas Bindegewebe bedeckt direkt auf dem Knochen. Trifft man diese Stelle, wird der Nerv zwischen dem stoßenden Gegenstand und dem harten Knochen eingeklemmt. Nervenzellen reagieren auf mechanischen Druck genauso wie auf ihre eigentlichen elektrischen Signale: Sie feuern. Der Stoß erzeugt also künstlich ausgelöste Nervenimpulse, die durch die gesamte Länge des Nervs bis in die Hand laufen.

Warum ausgerechnet diese Stelle so ungeschützt ist

Das ist kein Konstruktionsfehler, sondern eine Folge der Beweglichkeit des Ellenbogens. Der Nerv muss auf seinem Weg vom Oberarm zur Hand die Ellenbogenbeuge passieren, und zwar so, dass er bei jeder Beugung und Streckung des Arms mitgleiten kann. Läge er tiefer im Gewebe eingebettet, würde er beim Beugen des Gelenks stark gedehnt oder eingeklemmt. Die oberflächliche Lage in der knöchernen Rinne erlaubt ihm, bei Bewegung leicht zu verschieben, ohne Schaden zu nehmen. Der Kompromiss: Für diesen Bewegungsspielraum bezahlt der Körper mit fehlendem Schutz vor Druck von außen. Solange nichts von außen dagegen stößt, ist das kein Problem, deshalb fällt die ungeschützte Lage im Alltag normalerweise gar nicht auf.

Warum genau Ringfinger und kleiner Finger kribbeln

Jeder Nerv der Hand versorgt ein festgelegtes Gebiet der Haut, die sogenannte sensible Innervation. Der Nervus ulnaris ist zuständig für den kleinen Finger und die ulnare, also äußere Hälfte des Ringfingers. Der Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sowie die innere Hälfte des Ringfingers werden dagegen vom Nervus medianus versorgt, einem anderen Nerv, der an ganz anderer Stelle durch den Arm zieht. Reizt man den Ulnarnerv am Ellenbogen, kann das Signal nur dort ankommen, wofür der Nerv zuständig ist. Deshalb kribbelt es nie in der ganzen Hand, sondern immer nur in genau diesen beiden Fingern, ein direkter Hinweis darauf, welcher Nerv gerade getroffen wurde.

Warum es sich wie ein Stromschlag statt wie Schmerz anfühlt

Normale Schmerzen entstehen, wenn spezialisierte Schmerzrezeptoren, die Nozizeptoren, eine Gewebeschädigung melden, etwa bei einem Schlag auf einen Muskel. Beim Musikantenknochen passiert etwas anderes: Der Druck wirkt nicht auf Rezeptoren, sondern direkt auf die Nervenfaser selbst, die eigentlich nur weiterleiten und nicht selbst auslösen soll. Diese künstliche, mechanische Reizung erzeugt ein Signalmuster, das sich von echtem Schmerz unterscheidet, nämlich das charakteristische Ziehen, Kribbeln und den kurzen elektrisierenden Schlag. Das Gehirn interpretiert dieses Signal trotzdem als Empfindung aus Ringfinger und kleinem Finger, weil es das Gebiet ist, aus dem dieser Nerv normalerweise Meldungen schickt, unabhängig davon, wo die eigentliche Reizung stattgefunden hat.

Wenn aus dem kurzen Kribbeln ein Dauerproblem wird

Ein einzelner Stoß ist harmlos und das Kribbeln verschwindet nach Sekunden bis wenigen Minuten wieder. Anders sieht es aus, wenn der Nerv wiederholt oder über längere Zeit Druck ausgesetzt ist, etwa durch dauerhaftes Aufstützen des nackten Ellenbogens auf eine harte Tischkante oder Armlehne. Mediziner sprechen dann vom Sulcus-ulnaris-Syndrom, einer Kompression des Nervs, die zu anhaltendem Kribbeln, Taubheitsgefühl oder mit der Zeit sogar zu Kraftverlust in der Hand führen kann. Der Mechanismus ist derselbe wie beim kurzen Anstoßen, nur dass der Druck hier chronisch statt einmalig wirkt und der Nerv keine Zeit zur Erholung bekommt.

Häufige Fragen

Warum heißt es überhaupt Musikantenknochen?

Der Name bezieht sich auf den Epicondylus humeri, also den Endabschnitt des Oberarmknochens (Humerus) am Ellenbogen. Die Anspielung auf Musik ist volkstümlich und beschreibt vermutlich das schmerzhaft-schrille Gefühl, das beim Anstoßen entsteht.

Warum ist manchmal nur der kleine Finger betroffen und nicht der ganze Ringfinger?

Der Ringfinger wird von zwei verschiedenen Nerven versorgt: die äußere Hälfte vom Nervus ulnaris, die innere vom Nervus medianus. Je nachdem, wie stark und wo genau der Ulnarnerv gereizt wird, kann das Kribbeln nur die äußere Ringfingerhälfte erreichen.

Kann ein einzelner Stoß den Nerv dauerhaft schädigen?

Nein, ein kurzer Stoß presst den Nerv nur kurz zusammen und löst vorübergehende Signale aus. Schäden entstehen erst durch wiederholten oder anhaltenden Druck, wie beim ständigen Aufstützen auf harte Kanten.

Fux winkt

Die Folge ansehen:

Die ganze Folge als kurzes Video - und dahinter jede Menge Alltagswissen.

Und wenn du schon dort bist: abonnier den Kanal - dann ist die nächste Alltagsfrage schon da, bevor du sie dir stellst.

Quelle
Anatomischer Standardbefund (Nervus ulnaris, Sulcus nervi ulnaris/Kubitaltunnel, Sulcus-ulnaris-Syndrom), in jedem Anatomie-Lehrbuch belegt.