Biologie
Warum wird einem schwindelig, wenn man sich im Kreis dreht und dann abrupt stehen bleibt?
Weil die Flüssigkeit in den Bogengängen des Innenohrs nach dem Stopp durch ihre Trägheit noch weiterschwappt und dem Gehirn fälschlich meldet, der Körper drehe sich noch - während Augen und Gelenke längst Stillstand melden.
Drei Röhren, die jede Drehung erkennen
Im Innenohr sitzen auf jeder Seite drei Bogengänge, die in drei verschiedenen Ebenen zueinander stehen, ungefähr wie die Kanten eines Würfels. So kann das Gleichgewichtsorgan Drehbewegungen in jede Richtung erfassen, egal ob man nickt, den Kopf zur Seite dreht oder sich seitwärts kippt. Jeder Bogengang ist mit einer Flüssigkeit gefüllt, der Endolymphe, und an seiner Basis sitzt eine gallertartige Kuppel, die Cupula, in die feine Sinneshaare hineinragen. Bewegt sich die Flüssigkeit, kippt die Cupula, und die Haarzellen darunter senden ein elektrisches Signal ans Gehirn. Dieses System reagiert nicht auf gleichmäßige Bewegung an sich, sondern auf Beschleunigung und Abbremsung - also auf Änderungen der Drehgeschwindigkeit.
Warum die Flüssigkeit nachschwappt
Genau darin liegt der Grund für den Schwindel nach dem Drehen. Wenn man zu drehen beginnt, braucht die Endolymphe wegen ihrer Trägheit einen kurzen Moment, bis sie der Bewegung des Kopfes folgt. Bleibt man abrupt stehen, passiert das Gleiche in die andere Richtung: Der Körper steht schon still, die Flüssigkeit in den Bogengängen dreht sich aber durch ihren Schwung noch eine Weile weiter. Für das Gehirn sieht das genauso aus wie eine echte Drehung in die Gegenrichtung. Es bekommt also ein Bewegungssignal, obwohl objektiv keine Bewegung mehr stattfindet.
Der Widerspruch der Sinne und das zuckende Auge
Normalerweise arbeiten Gleichgewichtsorgan, Augen und die Sensoren in Muskeln und Gelenken (die Propriozeption) zusammen und liefern ein stimmiges Bild der eigenen Bewegung. Nach dem Drehstopp widersprechen sich diese Systeme: Die Augen und die Gelenke melden Stillstand, das Innenohr meldet Drehung. Aus diesem Konflikt entsteht der Schwindel. Sichtbar wird er durch den vestibulären Nystagmus, ein unwillkürliches, ruckartiges Augenzittern. Der Grund dafür ist der vestibulo-okuläre Reflex, der die Augen normalerweise automatisch gegen eine Kopfdrehung bewegt, damit der Blick auf einem Ziel bleibt. Weil das Innenohr fälschlich weiter eine Drehung meldet, lässt dieser Reflex die Augen langsam in eine Richtung wandern, bis das Gehirn sie mit einem schnellen Ruck zurückholt. Dieses Sägezahnmuster wiederholt sich, solange die Flüssigkeit noch in Bewegung ist, und genau das erzeugt den Eindruck, der Raum drehe sich weiter.
Warum es einem dabei auch flau werden kann
Die Bahnen aus dem Gleichgewichtsorgan enden nicht nur in den Bereichen des Gehirns, die für Orientierung zuständig sind, sondern sind auch eng mit Regionen im Hirnstamm verknüpft, die Übelkeit und Brechreiz steuern. Ein starker, unaufgelöster Widerspruch zwischen den Sinnessystemen kann deshalb dieselben Mechanismen aktivieren, die auch bei Reisekrankheit eine Rolle spielen. Das erklärt, warum nach heftigem Drehen manchen Menschen nicht nur schwindelig, sondern auch übel wird oder sie kurzzeitig das Gleichgewicht verlieren.
Der Trick der Eiskunstläufer: ein fester Punkt
Wer beim Aufhören sofort einen festen Punkt im Raum fixiert und den Kopf ruhig hält, gibt dem visuellen System eine stabile, verlässliche Information. Das hilft dem Gehirn, den widersprüchlichen Input aus dem Innenohr schneller zu überstimmen beziehungsweise abzuwarten, bis die Endolymphe sich beruhigt hat. Genau diese Technik nutzen Eiskunstläufer und Balletttänzer beim sogenannten Spotting: Beim schnellen Drehen fixieren sie wiederholt denselben Punkt, drehen den Kopf dabei ruckartig schneller als den restlichen Körper und lösen so den Blick erst im letzten Moment. Dadurch bleibt der Sehreiz über weite Strecken der Drehung stabil, und das Gleichgewichtsorgan bekommt weniger Gelegenheit, ein verwirrendes Signal aufzubauen.
Warum manche Menschen kaum schwindelig werden
Das Ausmaß des Schwindels ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und er lässt sich durch Übung abschwächen. Wer sich wiederholt dreht, etwa im Tanz- oder Turntraining, gewöhnt sein Nervensystem an diesen speziellen Reiz. Man spricht von vestibulärer Habituation: Das Gehirn lernt, das immer gleiche, harmlose Nachschwappsignal stärker zu unterdrücken, ohne dass sich am Innenohr selbst etwas ändert. Das erklärt, warum trainierte Tänzerinnen und Tänzer viele Drehungen hintereinander ausführen können, ohne umzukippen, während ungeübte Personen schon nach wenigen Umdrehungen deutlich taumeln.
Häufige Fragen
Ist der Schwindel beim Drehen dasselbe wie Reisekrankheit?
Nicht ganz dasselbe, aber verwandt. Beide beruhen auf einem Konflikt zwischen den Sinnessystemen, der Auslöser ist aber unterschiedlich: beim Drehen ein Nachschwappen der Innenohrflüssigkeit, bei der Reisekrankheit meist eine Bewegung, die man spürt, aber nicht sieht.
Warum hilft es, einen festen Punkt zu fixieren?
Weil das die widersprüchlichen Signale reduziert: Die Augen liefern eine stabile Information, während das Innenohr sich beruhigt, statt beide Systeme gegeneinander arbeiten zu lassen.
Kann man den Drehschwindel durch Training loswerden?
Er lässt sich deutlich abschwächen. Regelmäßiges Drehtraining führt zu einer Gewöhnung des Nervensystems, wodurch das Signal aus dem Innenohr schwächer wahrgenommen wird.