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Physik

Warum singt ein Weinglas, wenn man mit dem nassen Finger über den Rand fährt?

Kurz erklärt

Der feuchte Finger haftet am Glasrand kurz fest und rutscht dann ruckartig weiter, wieder und wieder. Dieser Stick-Slip-Wechsel stößt die Glaswand in ihrer Eigenfrequenz an, und diese Schwingung wird als reiner Ton hörbar.

Der Trick: Haften und Rutschen im Wechsel

Ein trockener Finger gleitet fast widerstandslos über Glas. Ein feuchter Finger dagegen erzeugt an der Kontaktstelle winzige Wassermolekülbrücken, die kurzzeitig eine Art Haftung herstellen. Der Finger bleibt einen Moment am Glas kleben, die Bewegung deiner Hand baut dabei Spannung auf, bis diese Spannung die Haftung überwindet und der Finger ruckartig ein winziges Stück weiterrutscht. Dort haftet er sofort wieder, die Spannung baut sich erneut auf, und das Spiel beginnt von vorn. Dieser Wechsel aus Haften und Rutschen heißt in der Physik Stick-Slip-Reibung. Er läuft so schnell ab, hunderte Male pro Sekunde, dass daraus eine praktisch kontinuierliche, periodische Anregung wird. Genau dasselbe Prinzip sorgt übrigens auch für das Quietschen einer Tür oder das Kreischen einer Kreide auf der Tafel.

Warum daraus ein sauberer, reiner Ton wird

Jeder feste Körper hat Eigenfrequenzen, also Schwingungsmuster, in denen er von Natur aus am liebsten schwingt, sobald man ihn anstößt. Beim Weinglas ist das eine stehende Welle, die rund um den Glasrand läuft: Bestimmte Punkte des Randes bewegen sich nach außen, während gegenüberliegende sich nach innen bewegen, und dieses Muster wechselt sich ab. Die Stick-Slip-Rucke des Fingers liefern viele kleine Anstöße pro Sekunde. Trifft die Frequenz dieser Anstöße auf die Eigenfrequenz des Glases, schaukelt sich die Schwingung auf, ähnlich wie beim Anschubsen einer Schaukel im richtigen Rhythmus. Man spricht von Resonanz. Weil praktisch nur diese eine Schwingungsform kräftig angeregt wird, hört man keinen rauen Reibgeräusch, sondern einen einzelnen, klaren Ton. Diese Randschwingung überträgt sich auf die umgebende Luft und wird dort als Schallwelle hörbar.

Warum der Ton tiefer wird, je mehr Wasser im Glas ist

Die Eigenfrequenz eines schwingenden Körpers hängt von zwei Dingen ab: wie steif er ist und wie viel Masse mitschwingen muss. Gießt du Wasser ins Glas, bleibt die Steifigkeit des Glases selbst gleich, aber das Wasser schwingt mit der Glaswand mit und erhöht damit die effektiv bewegte Masse. Mehr Masse bedeutet, dass dieselbe Schwingung langsamer abläuft, die Frequenz sinkt, der Ton wird tiefer. Genau deshalb kannst du mit unterschiedlichen Füllständen verschiedene Tonhöhen erzeugen und mit mehreren Gläsern sogar eine Tonleiter spielen. Bei einer echten Glasharfe, einem historischen Musikinstrument, wird dieses Prinzip gezielt genutzt, dort allerdings meist über unterschiedlich große Gläser oder Glasschalen statt über den Wasserstand.

Warum es mit Glas so gut funktioniert und mit Plastik kaum

Damit ein hörbarer, klarer Ton entsteht, muss ein Material zwei Eigenschaften mitbringen: Es muss steif genug sein, um überhaupt in einer klar definierten Eigenfrequenz zu schwingen, und es darf die Schwingungsenergie nicht zu schnell durch innere Reibung in Wärme umwandeln. Glas erfüllt beides sehr gut, es ist hart, elastisch und dämpft Schwingungen nur wenig, weshalb ein angestoßenes Glas lange nachklingt. Kristallglas mit hohem Bleianteil ist dabei oft besonders klangstark. Ein Plastikbecher dagegen ist weicher und dämpft Schwingungen viel stärker, die Energie verpufft, bevor sich ein hörbarer Ton aufbauen kann. Auch die Form spielt eine Rolle: Ein dünnwandiges, rundes Glas mit gleichmäßiger Wandstärke schwingt sauberer als ein dickwandiges oder unregelmäßig geformtes Gefäß.

Warum es ohne Wasser auf dem Finger nicht klappt

Ein völlig trockener Finger auf trockenem Glas hat zu wenig Haftung, die Reibung ist zu gleichmäßig und zu schwach, es entsteht kein wiederholter Stick-Slip-Ruck, der stark genug wäre, um das Glas messbar in Schwingung zu versetzen. Etwas Feuchtigkeit erhöht die Haftreibung an der Kontaktstelle spürbar, gleichzeitig wirkt das Wasser auch leicht schmierend, sodass der Finger nach dem Losreißen wieder glatt weitergleiten kann, bevor er erneut haftet. Zu viel Wasser kehrt den Effekt allerdings um: Dann schmiert der Finger nur noch, ohne zwischendurch richtig zu haften, und der Ton bleibt aus. Der Trick funktioniert also nur in einem mittleren Bereich zwischen zu trocken und zu nass.

Häufige Fragen

Warum klingt jedes Glas anders?

Form, Wandstärke, Glasart und Größe bestimmen zusammen die Eigenfrequenz. Ein größeres oder dickwandigeres Glas hat mehr schwingende Masse und klingt tendenziell tiefer, dünnwandiges Kristallglas oft heller und klarer.

Funktioniert der Trick auch mit anderen Gefäßen wie Tassen oder Schüsseln?

Grundsätzlich ja, solange das Material steif genug ist und Schwingungen nicht zu schnell dämpft. Metallschüsseln oder dickwandige Keramik können ebenfalls tönen, allerdings meist schwächer oder kürzer als dünnwandiges Glas.

Kann ein singendes Glas wirklich zerspringen, wie im bekannten Mythos?

Theoretisch ja, wenn eine Schallwelle exakt die Resonanzfrequenz trifft und lange genug mit ausreichender Energie einwirkt, kann die Schwingung so groß werden, dass das Glas bricht. Mit dem bloßen Finger ist die übertragene Energie dafür aber viel zu gering.

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Quelle
Physikalisch korrekter Begriff ist Stick-Slip-Reibung (Haft-Gleit-Reibung) zur Anregung einer Eigenmode/Resonanzfrequenz des Glaskörpers, nicht bloß eine 'Vibration'.