Biologie
Warum pflanzen sich Aale immer an der gleichen Stelle fort?
Weil das Ziel ihrer Wanderung nicht erlernt, sondern angeboren ist: Europäische Aale schwimmen als geschlechtsreife Blankaale instinktgesteuert Tausende Kilometer bis in die Sargassosee, weil kein erwachsenes Tier den Weg je zeigen kann - die Elterngeneration stirbt nach dem Laichen.
Ein Instinkt, den niemand vorgelebt hat
Der Europäische Aal verbringt den Grossteil seines Lebens in Flüssen und Seen, meist an Land fern vom Meer. Zur Fortpflanzung verwandelt er sich in einen sogenannten Blankaal: Augen und Flossen verändern sich, der Körper wird silbrig, das Verdauungssystem bildet sich zurück, weil auf der bevorstehenden Reise nicht mehr gefressen wird. Von diesem Moment an zieht der Aal Tausende Kilometer bis in die Sargassosee im Atlantik, das einzige bekannte Laichgebiet der Art. Das Besondere daran: Kein Aal hat diesen Weg je gelernt. Da die erwachsenen Tiere nach dem Laichen sterben, gibt es keine Elterngeneration, die den Nachwuchs anleiten oder begleiten könnte. Das Ziel muss also von Geburt an im Nervensystem verankert sein, nicht durch Erfahrung erworben.
Wie ein Fisch ohne Karte navigiert
Wenn Ortstreue nicht erlernt sein kann, muss sie eingebaut sein, ähnlich wie ein festprogrammiertes Navigationsziel. Aale orientieren sich auf ihrer Wanderung an mehreren Signalen gleichzeitig. Das Magnetfeld der Erde liefert eine Art Kompass, mit dem Richtung und ungefähre Position bestimmt werden können. Hinzu kommen Wassertemperatur und Salzgehalt, die sich auf dem Weg vom Süsswasser über die Flussmündung bis in den offenen Ozean charakteristisch verändern und dem Tier Hinweise auf seinen Kurs geben. Gesteuert wird die gesamte Wanderung zusätzlich durch eine tiefgreifende Hormonumstellung, die den Körper auf die einmalige Reise vorbereitet und das Wanderverhalten überhaupt erst auslöst. Zusammen ergibt das ein Steuerungssystem, das komplett ohne Lernen aus früherer Erfahrung auskommt.
Warum ausgerechnet die Sargassosee
Die Sargassosee liegt weit draussen im Atlantik und ist für ein Gewässer ungewöhnlich, weil sie nicht von Landmassen, sondern von Meeresströmungen begrenzt wird. Sie bietet stabile Bedingungen bei Temperatur und Salzgehalt, wie sie für die Eientwicklung der Aale offenbar nötig sind. Warum sich die Art im Lauf der Evolution ausgerechnet auf dieses Gebiet als Laichort festgelegt hat, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Naheliegend ist, dass sich dieser Ort über sehr lange Zeiträume als zuverlässig genug erwiesen hat, um den Nachwuchs erfolgreich schlüpfen zu lassen, sodass die genetische Festlegung auf diese eine Region im Erbgut der Art verankert wurde und seither weitergegeben wird.
Die Rückreise der Larven mit dem Golfstrom
Nach dem Laichen schlüpfen aus den Eiern durchsichtige, blattförmige Larven, die Weidenblattlarven genannt werden. Anders als ihre Eltern legen sie die Rückreise nach Europa nicht durch aktives Schwimmen zurück, sondern treiben grösstenteils passiv mit dem Golfstrom. Diese Reise dauert lange und führt sie über den gesamten Atlantik, bis sie sich in Küstennähe zu jungen Glasaalen umwandeln und in Flüsse und Seen einwandern. Dort wachsen sie über viele Jahre heran, bis sie selbst geschlechtsreif werden und die immer gleiche instinktgesteuerte Wanderung antreten, mit der der Kreislauf von Neuem beginnt.
Eine Stärke, die zur Schwäche wird
Ein fest programmiertes Wanderziel ist über sehr lange Zeiträume ein zuverlässiges System, solange sich die Umweltbedingungen kaum verändern. Genau das wird jedoch zum Problem, wenn sich etwa Meeresströmungen durch den Klimawandel verschieben oder Wassertemperaturen sich verändern. Da Aale ihr Zielgebiet und ihre Routenwahl nicht flexibel an neue Bedingungen anpassen können, wie es lernfähige Verhaltensweisen erlauben würden, reagiert die Art empfindlich auf solche Veränderungen. Ein Verhalten, das über Jahrmillionen als Erfolgsrezept diente, kann so unter veränderten Bedingungen zur Gefährdung der ganzen Art beitragen.
Haeufige Fragen
Wie finden Aale ihren Weg ohne Erfahrung?
Über ein angeborenes Zusammenspiel aus Magnetfeldwahrnehmung, Reaktion auf Wassertemperatur und Salzgehalt sowie einer steuernden Hormonumstellung, nicht durch Lernen.
Warum sterben Aale nach dem Laichen?
Die Fortpflanzungsreise verbraucht die letzten Energiereserven des Körpers, dessen Verdauungssystem sich zuvor bereits zurückgebildet hat, sodass die Tiere danach nicht mehr überleben.
Warum ist der Aal durch den Klimawandel besonders gefährdet?
Weil sein Wanderverhalten genetisch fest programmiert und nicht anpassungsfähig ist, kann er auf veränderte Strömungen oder Temperaturen nicht flexibel reagieren.