← Alle Fragen

Biologie

Warum kann man sich nicht selbst kitzeln?

Kurz erklärt

Weil das Gehirn bei selbst ausgelösten Bewegungen per Efferenzkopie vorhersagt, wie sich die Berührung gleich anfühlen wird, und das Signal deshalb im Voraus dämpft. Bei einer Berührung durch jemand anderen fehlt diese Vorhersage, das Signal kommt unerwartet an und wird als kitzlig empfunden.

Das Gehirn als Vorhersagemaschine

Jede Bewegung, die du selbst machst, kündigt dein Gehirn sich vorher selbst an. Wenn du deine Hand bewegst, sendet das motorische System nicht nur den Befehl an die Muskeln, sondern schickt eine Kopie dieses Befehls auch an andere Hirnareale, vor allem ans Kleinhirn. Diese Kopie heißt Efferenzkopie. Das Kleinhirn nutzt sie, um vorherzusagen, wie sich die Folgen der Bewegung anfühlen werden, zum Beispiel eine Berührung am Fuß, wenn du ihn selbst streichelst. Trifft die tatsächliche Sinneswahrnehmung dann ein, wird sie mit der Vorhersage abgeglichen. Stimmen beide überein, dämpft das Gehirn die Reaktion im somatosensorischen Cortex, dem Bereich, der Tastreize verarbeitet. Deshalb fühlt sich die eigene Berührung schwächer und vorhersehbar an. Berührt dich dagegen jemand anderes, existiert keine passende Vorhersage. Das Signal kommt in voller Stärke und ohne Dämpfung an, das Gehirn wertet es als überraschend, und genau diese Überraschung erzeugt das typische Kitzelgefühl mit Zucken und Lachen.

Kitzeln ist nicht gleich Kitzeln

Die Forschung unterscheidet zwei Arten von Kitzelreizen. Die eine, Knismesis genannt, ist das leichte Jucken oder Kribbeln, wie es zum Beispiel eine Feder oder eine krabbelnde Ameise auf der Haut auslöst. Dieses Kitzeln kann man sich auch selbst zufügen, es bleibt meist unangenehm und juckend, ohne dass man lachen muss. Die zweite Art, Gargalesis, ist das kräftige Kitzeln an bestimmten Körperstellen wie Fußsohlen, Achseln, Rippen oder Hals, das typischerweise mit Lachen und Abwehrbewegungen einhergeht. Genau dieses Gargalesis-Kitzeln lässt sich bei sich selbst kaum auslösen, weil hier die Efferenzkopie-Dämpfung greift. Auffällig ist, dass genau die Stellen am kitzligsten sind, die besonders empfindlich oder verletzlich sind: Hals und Achseln liegen nah an großen Blutgefäßen, die Rippen schützen Organe. Das ist kein Zufall, sondern deutet auf die eigentliche Funktion des Kitzelreflexes hin.

Warum gibt es Kitzeln überhaupt?

Kitzeln wirkt auf den ersten Blick wie ein sinnloser Nebeneffekt, hat aber vermutlich zwei evolutionäre Wurzeln. Erstens als Schutzreflex: Die kitzligsten Stellen sind fast immer Körperregionen, die im Kampf oder bei einem Angriff besonders verwundbar sind. Ein reflexartiges Wegzucken und Anspannen der Muskulatur an Hals, Bauch oder Achseln kann helfen, empfindliche Bereiche schnell zu schützen. Zweitens spielt Kitzeln eine soziale Rolle. Bei Menschenaffen und auch beim Menschen ist gegenseitiges Kitzeln ein fester Bestandteil des Spielens, vor allem zwischen Eltern und Kindern. Das dabei ausgelöste Lachen unterscheidet sich zwar von echtem, freiwilligem Lachen, signalisiert aber Vertrauen und stärkt soziale Bindungen: Man lässt eine andere Person sehr nah an verletzliche Körperstellen heran, was nur in einem sicheren, vertrauten Kontext angenehm ist. Das erklärt auch, warum Kitzeln durch Fremde oft eher als unangenehm oder aufdringlich empfunden wird, während es bei engen Bezugspersonen mit Lachen verbunden ist.

Den Vorhersage-Mechanismus austricksen

Weil die Dämpfung im Gehirn eng an die zeitliche und räumliche Übereinstimmung von Bewegung und Berührung gekoppelt ist, lässt sie sich stören. In Experimenten wurde das mit einfachen Roboterarm- oder Hebel-Aufbauten getestet: Versuchspersonen bewegten einen Hebel, der zeitversetzt oder in leicht veränderter Richtung eine Berührung auf ihrer eigenen Haut auslöste. Sobald eine kleine Verzögerung oder Abweichung eingebaut wurde, passte die tatsächliche Berührung nicht mehr zur Vorhersage des Kleinhirns. Die Dämpfung blieb aus, und die Berührung wurde tatsächlich als kitzliger empfunden als eine zeitgleiche Selbstberührung. Das zeigt sehr deutlich, dass nicht der Hautreiz selbst über Kitzligkeit entscheidet, sondern der Abgleich zwischen Vorhersage und tatsächlichem Signal. Je größer die Abweichung, desto eher schlägt der Überraschungsmechanismus an.

Wenn die Selbstwahrnehmung gestört ist

Der Mechanismus erklärt auch einen ungewöhnlichen Sonderfall. Bei manchen psychischen Erkrankungen, etwa bestimmten Formen der Schizophrenie, ist die Fähigkeit des Gehirns gestört, selbst ausgelöste Handlungen korrekt vorherzusagen und von äußeren Reizen zu unterscheiden. Das hängt vermutlich mit denselben Hirnprozessen zusammen, die auch für die Kitzel-Dämpfung zuständig sind. In solchen Fällen berichten manche Betroffene, dass sie sich selbst kitzeln können, weil die Efferenzkopie nicht mehr zuverlässig mit der tatsächlichen Wahrnehmung abgeglichen wird. Das unterstreicht, wie eng Kitzeln mit grundlegenden Prozessen der Selbstwahrnehmung verknüpft ist, also mit der Fähigkeit des Gehirns, zwischen "das habe ich selbst verursacht" und "das kommt von außen" zu unterscheiden.

Häufige Fragen

Warum sind manche Menschen kitzliger als andere?

Wie empfindlich jemand auf Kitzeln reagiert, hängt unter anderem von individueller Nervendichte an bestimmten Hautstellen, Aufmerksamkeit und emotionalem Zustand ab. Anspannung oder Stress kann Kitzligkeit verstärken, Ablenkung sie abschwächen.

Können Tiere sich auch gegenseitig kitzeln?

Ja, bei einigen Tieren wie jungen Ratten und Menschenaffen wurde Verhalten beobachtet, das dem menschlichen Kitzeln stark ähnelt, inklusive lautähnlicher Reaktionen beim Spielen mit Artgenossen oder Betreuern.

Warum juckt leichtes Streicheln manchmal, ohne dass man lachen muss?

Das ist die andere Kitzelform, Knismesis genannt. Sie entsteht schon durch sehr leichten Hautkontakt, etwa von Insekten oder Federn, und lässt sich, anders als das Lach-Kitzeln, auch bei sich selbst auslösen.

Fux winkt

Die Folge ansehen:

Die ganze Folge als kurzes Video - und dahinter jede Menge Alltagswissen.

Quelle
Kernkonzept Efferenzkopie und Daempfung im somatosensorischen Cortex basiert auf Kitzel-Forschung von Blakemore, Wolpert und Frith (UCL).